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MONA SIEGEL


Das Inbild

des Menschen

ist der uns

eingeborene Weg

zu uns selbst.

DÜRCKHEIM



Mein persönlicher Zugang zum Phänomen von Übergängen

Erodierende traditionelle Bindungen und atypisch-prekäre Beschäftigungsformen wirken umfassend auf das Leben und Arbeiten jedes Einzelnen ein. Inmitten kontingenter Unüberschaubarkeit [1] tönt die Forderung nach flexibel-erfolgreicher Selbststeuerung und Selbstverant-wortung. Das überforderte Ich reagiert mit Gefühlen der Orientierungs- und Hilflosigkeit bei gleichzeitig latenter Abstiegs- und Ausschlussangst. Von dieser Gefühlslage angetrieben, um das vermeintlich Schlimmste -das Scheitern- zu vermeiden, wird das Rad mehr und mehr beschleunigt. Eine reaktiv-stresserzeugende Vermeidungshaltung[2], die meist genau das zur Folge hat, was unbedingt abgewendet werden soll: Das Scheitern – ein paradoxes Unterfangen! Bei genauer Betrachtung indes, birgt das  krisenhafte Scheitern bereits den Wendepunkt, der den uebergang hin zu einem erstrebenswerten In-der-Welt-Sein markiert.

Bereits vor meinem Studium der Sozialphilosophie und –psychologie haben mich Wahrnehmungen dieser Art, erwachsen aus eigenen misslichen Erfahrungen, umgetrieben. Antworten habe ich schon immer in Biographien gesucht und vieler Orts auch gefunden: Aus Biographien habe ich so manches gelernt, so manches verstanden über Träume, Glück, Krisen, Wendepunkten, den Auf und Abs im Leben.

Für meine diffusen Wahrnehmungen von Selbst- und Weltentfremdung habe ich dann im Laufe meines Studiums eine kulturelle Einordnung und Versprachlichung gefunden. In meinen 40er-Lebensjahren gehörte ich im Rahmen meines Zweiten Bildungsweges glücklicherweise noch zu den letzten StudentInnen der gesellschaftskritisch und integrativ ausgerichteten HWP in Hamburg sowie von Fritz SCHÜTZE (vor seiner Emeritierung) an der Universität Magdeburg (Aufbaustudiengang Qualitative Bildungs- und Sozialforschung). Bei Fritz Schütze konnte ich u.a. die Prozessstrukturen des Lebens [3], wie er die unterschiedlichen Weisen des In-der-Welt-seins nannte, studieren. Insbesondere Wandlungs- bzw. Bildungsprozesse [4] hatten und haben für mich seither eine magische Anziehung.

Wandlungsprozesse haben ihren Ursprung in der »Innenwelt« des Biographieträgers;

ihre Entfaltung ist überraschend, und der Biographieträger erfährt sie

als systematische Veränderung seiner Erlebnis- und Handlungsmöglichkeiten. [5]

 

Abzugrenzen von solchen Wandlungsprozessen sind biographische uebergaenge, die erwartbar und somit planbar und gestaltbar sind, wie z.B. der Wechsel von der Schule in den Beruf, die Familiengründung usw. Diese  institutionalisierten Übergänge geben Rahmen vor, die individuell auszugestalten sind; das gerade ist das wesentliche Merkmal von institutionalisierten Abläufen.

Dem hingegen wird der Einzelne in Wandlungsprozesse unerwartet hineingezogen dadurch, dass Unstimmigkeiten auf Veränderung drängen. Aus der lebensgeschichtlichen Erzählung heraus sind solche Wandlungsprozesse zu rekonstruieren. Folglich drängt sich die Frage auf, ob und wie genau solche sich aufdrängenden Wandlungsprozesse auf die Zukunft hin zu gestalten wären?

Ich gehe davon aus, dass die Antwort immer schon in jedem Einzelnen selbst zu finden ist, in seinen verborgenen Beweggründen, die darauf warten ent-deckt zu werden.

Das Inbild des Menschen ist sein Wesen,

verstanden als die drängende, verpflichtende

und die Grundsehnsucht bestimmende Werdeformel

der in ihm angelegten Wesensgestalt. (DÜRCKHEIM) [6]

 

Wenngleich sich die aktuelle  Lebenshemmung in einer der Lebensdimensionen -mitmenschlich, kulturell, global, spirituell- zeigt, in die wir eingebunden sind, wird sich eine Veränderung in dieser Dimension systemisch auswirken, im Innen wie im Außen. Jede Lebenshemmung kann als Ruf des Lebens verstanden werden: Du musst Dein Leben ändern [7]. Was anfänglich als (be)drückend erlebt wird, führt oftmals in ein von Innen drängendes:  Ich will mein Leben ändern.

Mein methodischer Zugang, wie bereits angeklungen, ist das lebensgeschichtliche Erzählen: Rückblickend die Zukunft gestalten. Erzählend das Vergangene in einen Zusammenhang bringen. Eine behutsame Annäherung an die noch verborgenen Beweggründe: Gedanken und Empfindungen umkreisen, einfangen, fallenlassen, erneut aufgreifen, wenden, befragen, präzisieren. Aus der erhöhten Aufmerksamkeit und bewussten Zuwendung heraus dem Beweggrund [8] begegnen, der mir einen Zukunfts-Horizont eröffnet, der als Aufhellung der Lebensstimmung spürbar wird.

Auf der Grundlage der autobiographischen Erzählung, d.h. des daraus resultierenden mitgeteilten Lebensgeschichte, ermöglicht die Salutogene Kommunikation/SalKom® [9] die Anregung der eigensinnigen Stimmigkeitsregulation.

Die Frage, die sich daran anschließt: Welche Art der unterstützenden Begleitung braucht es für diesen Prozess? Ganz wesentlich, so meine Auffassung, braucht es den respektvoll-empathischen Dialog mit dem Anderen, dem ich vertrauen kann, dass er/sie mir einen Möglichkeitsraum öffnet, in den hinein ich meinen Weltinnenraum[8] entfalten und dabei meinen anstehenden, noch unbekannten, möglicherweise überraschenden Entwicklungsschritt ent-decken kann. Ein solches Wachstum aus der Begegnung [10] braucht ein Wahrnehmen mit allen Sinnen, also auch das Wahrnehmen von Zwischentönen und Unausgesprochenem. Wesentlich auch: Die konsequente Fokussierung auf vorhandene Ressourcen, die Ermutigung in  Zeiten des Nichtwissens und zu tentativen Suchprozessen, sowie konkrete Handlungen zur Annäherung an eine neuartige stimmige Kohärenz.

Fragen, die mich zur Zeit bewegen:

Wie genau muss der intersubjektive Raum beschaffen sein, in dem berührende Begegnung

stattfinden kann?  

Welche Qualitäten der/des Begleitenden können einen solchen Übergangsraum  begünstigen?

Wo/Wie empfinde ich in der Ich-Du-Begegnung [11] dieses Wir-Feld?

[1] Markus Holzinger: Kontingenz in der Gegenwartsgesellschaft. Dimensionen eines Leitbegriffs moderner Sozialtheorie (2007).

[2] Die Neuropsychologie unterscheidet zwei grundlegende motivationale Systeme: das Annäherungs- und das Vermeidungssystem. 

[3] Es gibt vier grundsätzliche Arten der Haltung gegenüber  lebensgeschichtlichen Erlebnissen: Biographische Handlungsschemata, Institutionelle Ablaufmuster, Verlaufskurven und  Wandlungsprozesse. Diese sind meist ineinander verschränkt wirksam, wobei lebensphasenspezifisch jeweils eine PS als dominant zu identifizieren ist: Schütze, F.: Prozessstrukturen des Lebenslaufs. In: Matthes, Joachim (Hrsg.): Biographie in handlungs-wissenschaftlicher Perspektive. 2. Aufl., 1983, S. 67-156. 

[4] Zu Bildungsprozessen vgl.: Winfried Marotzki: Entwurf einer strukturalen Bildungstheorie. Biographietheoretische Auslegung von Bildungsprozessen in hochkomplexen Gesellschaften (1990).

[5] Fritz Schütze: Kognitive Figuren des autobiographischen Stegreiferzählens. In: M. Kohli/G. Robert (Hrsg.): Biographie und soziale Wirklichkeit, 1984, 92.

[6] Karlfried Graf Dürckheim: Der Alltag als Übung (1987, 108).

[7] Peter Schellenbaum: Im Einverständnis mit dem Wunderbaren (2000).

[8] C. Otto Scharmer: Theorie U. Von der Zukunft her führen: Presencing als soziale Technik. Heidelberg 2009.

[9] Vgl. hierzu: http://www.salutogenese-zentrum.de/cms/main/salkom/grundlegendes.html.

[10] Rainer Maria Rilke (1914).

[11] Martin Buber: Das Dialogische Prinzip (1965).

Zur Person:

Studium der  Soziologie in Hamburg und Magdeburg; Ausbildung „Spirituelles Coaching“ bei Dr. Klaus P. Horn, Köln; derzeit: Wissenschaftliche Mitarbeiterin im Zentrum für Salutogenese mit diversen Salkom®-Ausbildungen