uebergaenge.org

  

Theodor Dierk Petzold  

 

 

Übergänge - persönlich

 

 

 Wie erlebe ich einen Übergang?

Wie fühlt er sich an? Welche Gedanken kommen?

Ein Schwirren im Kopf – Wechselbad unklarer Gefühle – nicht wirklich wissen, was gerade ist – die Gedanken sind viel schneller als anderes – unsicher, ob die Welt draußen nicht doch noch schneller ist als die Gedanken?  – …

Was ist los? Innen drin möchte sich etwas Neues entfalten, etwas Unbekanntes – gleichzeitig Beängstigendes wie doch irgendwie Vertrautes – zumindest im Ansatz. Vertrauen in Unbekanntes, Unvorhersehbares – ahnend Antizipierbares.

Ich denk, ich müsste für meine Gesundheit, mein Wohlbefinden sorgen – so wie ich es bisher kenne. In der Komfortzone? Ist die Komfortzone sicher und gesund? Oder ist dort das Siechtum, das mit Sucht verbunden ist? Ist dort der Verfall im Phlegma? Ohne Entwicklung.

Wie verstehe und bewerte ich meine Rückenschmerzen oder meinen Schwindel: Habe ich nicht genug auf mich aufgepasst, zu viel gearbeitet und soll ich mich wieder in meine Komfortzone zurückziehen? Oder erinnern mich meine Rückenschmerzen daran, dass ich noch Beziehungs- und Verhaltensmuster aus der Familie lösen soll, um mich einer komplexeren Stimmigkeit anzunähern? Ist der Schwindel ein Zeichen, dass sich im Gehirn etwas neu ordnen will – ein Kohärenzübergang?  

Beziehungsdynamiken in Übergängen und Vertrauen in Übergeordnetes

Ist Krieg überall? Millionen Flüchtende sollen schon eingereist sein. Opfer und Täter in der Yahoo-Group. Bei Übergabe der Mühle. Viele wollen Richter spielen. Andere Retter. Die Beziehungen verselbständigen sich. Sie haben ihre eigene Dynamik. Und packen mich. Ich bin ein Teil der Beziehungsdynamiken. Wer ist das Opfer? Wer der Täter? Wer opfert sich?

Ein Leben ohne Opfer? Eine Gesellschaft ohne Opfer? Sicherheit ohne Opfer? Unsicherheit schafft Opfer. Wo mit Macht Sicherheit hergestellt wird, werden auch Opfer produziert. Ohne Macht scheint es keine Sicherheit zu geben. Worein kann ich vertrauen, wenn ich mich ohnmächtig fühle?

Leben als Kooperation? Kooperation als Grundlage von Gemeinschaft, Gesellschaft, Kultur und Transkultur / Weltgemeinschaft? Macht durch Kooperation? Täterschaft.

Wie schaffen wir den Übergang von Täter-Opfer-Retter/Richter-Beziehungen zu kooperativen Beziehungen? Übergang oder Wende? Viel Angst, Misstrauen, Opfererfahrungen, Grenzen und Überschreitungen… Sind Grenz-Übergänge erlaubt? Willkommen? Wie werden wir nach dem Grenzübergang? Wer bin ich dann? Wie viel Kontrolle verträgt Kooperation? Wie viel Kontrolle verträgt Entwicklung? Wie viel Vertrauen braucht sie, damit sie kreativ sein kann? Gibt es eine (Schöpfer-)Macht jenseits von Gewalt?

Was tue ich im Übergang?

Ich gehe spazieren. Oder in die Sauna. Oder ich lese in irgendeinem Buch der Weisheit, welches mir gerade attraktiv erscheint. Ich meditiere ausgiebig. Ich lasse kommen. Und gehen. Ich gebe mich dem ungewissen Prozess hin. In dem Glauben und der Hoffnung, dass etwas Gutes dabei rauskommt. So etwas wie Entwicklung. Auch Läuterung kann für mich Entwicklung sein.  

Ich tue das im Moment Erforderliche, das Nächstliegende, was auf jeden Fall getan werden muss: Abwaschen, Babysitten bei meinem Enkel, Patienten versorgen, einige Mails beantworten, Einkaufen… Dann tue ich etwas, bei dem mich möglichst nichts von außen beansprucht, wie spazieren gehen, meditieren… Raum geben und halten für innere Prozesse, die sich selbstregulatorisch klären, neu organisieren, eine neue Stimmigkeit finden – nach Möglichkeit im Vorgriff auf eine zukünftige Entwicklung – mit einer Antenne für ihre Attraktoren.

Ich stimme mich dabei auf die Richtung der aktuellen Dynamiken ein, auf den Attraktor, dem die Bewegungen – auch die widersprüchlichen – zustreben. Auf die mögliche Synthese. Auf eine potentielle Ordnung – so wie sie sich für mich innerlich, körperlich, emotional, gedanklich und geistig möglichst stimmig anfühlt.

So werde ich – als Resonanzkörper – zum Handelnden, zum Mitgestaltenden.   

Wie reflektiere ich Übergänge?

Als Betroffener reflektiere ich die Übergänge meistens gar nicht bewusst. Ich bin froh, wenn ich durch bin, wenn ich wieder ein Stadium von gefühlter Kohärenz erreicht habe und zur Ruhe kommen kann. Wenn ich „es geschafft habe“. Dann geht das Leben in der gerade erreichten Stimmigkeit weiter. Und ich habe genug damit zu tun, diese zu leben. Manch ein Übergang hat auch Spuren in und an mir hinterlassen:  Erfahrungen, die ich mir vorher nicht gewünscht hatte, graue Haare, Verluste, Gewinne, Wunden, neue Aufgaben… Zum Glück glaube ich nicht, dass diese unangenehmen Erfahrungen Folgen von Fehlern von mir sind. Zum Glück kann ich alles, was ich erlebt habe, wohlwollend annehmen – auch wenn ich es im Nachherein nicht gut finde und bei einer ähnlichen Gelegenheit anders machen will. Zu der Zeit, wo ich den „Fehler“ gemacht habe, habe ich das Optimale gemacht, d.h. das Beste, wozu ich damals in der Lage war. Ich brauchte offenbar dann die Erfahrung, um daraus zu lernen, wie ich es in Zukunft stimmiger machen kann…

Wenn ich beginne und über einen Übergang nachdenke, wie z.B. meinen Umzug aus Heckenbeck in die Altstadt von Bad Gandersheim und den zeitnahen Umzug der Praxis von der Alten Mühle hier ins Barfüßerkloster, dann befällt mich schnell das Schwirren im Kopf – eine derartige Vielfalt von Aspekten, Fakten, Gefühlen, Stimmungen, dass ich keine klare Linie dazu denken kann. Und erst recht keine Kausalkette. Da war und ist eine Komplexität von Stimmungsänderungen in der Alten Mühle in Bezug zur Leitung, eine räumliche Enge für die Mitarbeiter des Zentrums, die Autofahrerei zwischen Wohnung und Arbeitsplatz, die Situation auf dem Brennesselhof, mein Wunsch auf eine Wohnung mit einem weiten und schönen Ausblick und einer guten Möglichkeit, theoretisch zu arbeiten sowie einen guten Ausgangspunkt für Vortragsreisen u.Ä. zu haben…

Viele Unstimmigkeiten, die – in die Zukunft gedacht – sich immer enger anfühlten und mir in meiner Vor-stellung nicht mehr den Raum für das gaben, was ich tun wollte – für eine stimmiger Zukunft. In dieser Situation wurde eine Lebensversicherung ausgezahlt, die mir eine kleine Investition ermöglichte, um stimmiger leben zu können.

Wenn ich jetzt diesen Übergang reflektiere, steht im Mittelpunkt immer wieder die erlebte verwirrende Komplexität. Keine klare Kausalität. Eher eine ‚Steuermannskunst‘ eines Schiffes auf hoher See bei starkem Wind und Wellengang – ohne Kompass. Bauch-Herz-Kopf-Entscheidungen. Und dann der versuchte bewusste Umgang mit dieser Komplexität, die typisch ist für ein Leben in Freiheit.

Eine Spirale der Entwicklung von Kooperation durch Übergänge

Jetzt – subjektiv ziemlich weit fortgeschritten in meinem Übergang ab 65 – sehe ich im Übergang besonders die Entfaltung immer komplexerer Kooperationen. Eine einfache Kooperation ist die top-down Kooperation von Befehlendem und Ausführendem. Die nächst komplexe ist die auf der Grundlage von Verträgen beruhende Kooperation. Diese können enger und offener sein – dadurch werden sie komplexer, wie z.B. die privatärztliche Tätigkeit freier ist als die Kassenarzt-Tätigkeit. Die Kooperation mit Patienten kann dadurch komplexer gestaltet werden. Die Seminar-, Vortrags-, Schreib- und Lehrtätigkeit auf dem freien Markt ist wiederum noch freier und komplexer als die Arztrolle allein. Die Kooperation in einem informellen Netzwerk ist komplexer und erfordert mehr Vertrauen als die Kooperation in einer Organisation.

Die Art der Kooperation macht die Kohärenz meiner sozialen und kulturellen und geistigen Verbindungen aus. Wenn ich mich zu einer freieren und komplexeren Kooperation entfalte, lasse ich die vorbestehende, sich sicher anfühlende Kohärenz los. Das macht den Kohärenzübergang aus.

Auch aus einer Kohärenz, die durch das Beziehungsgefüge des Opferdreiecks geprägt ist (wie viele in unsere Gesellschaft, die das Gefühl von Sicherheit durch Kontrolle geben; auch viele Angestellten-Beziehungen), kann ich mich durch einen Übergang mit Loslassen und Hinwenden zu einer freieren und kreativeren Kooperation entwickeln. Besonders schwierig erscheint mir gerade der Schritt von der überschaubaren Kooperation mit Mitarbeitern hin zu Kooperation, die mehr auf freier und selbstständiger Zusammenarbeit bei geteilter Intentionalität beruht.